Gardelegen. In diesem Interview gewährt Dr. Michael Bäse, langjähriger Chefarzt der Radiologie im Altmark-Klinikum Gardelegen, anlässlich seiner Verabschiedung Ende Juni Einblicke in seine Karriere und reflektiert über die Entwicklungen und Herausforderungen seines Fachgebietes. Er spricht über seine Motivation, die wegweisenden technologischen Fortschritte, ethische Fragen und die zukünftigen Aufgaben in der medizinischen Bildgebung.
1. Was hat Sie dazu bewegt, in die Medizin zu gehen und speziell in Ihrem Fachgebiet die Radiologie zu arbeiten?
Dr. Michael Bäse: Die Medizin war mir durch meinen Vater, er war Orthopäde in den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg, in die Wiege gelegt. Und der Ansatz, einen helfenden Beruf zu erlernen, war ein wichtiger Grund, natürlich auch die Herausforderung, ein Medizinstudium zu bewältigen.
Eigentlich wollte ich Internist in der Lungenklinik Lostau werden. Zu DDR-Zeiten wurden wir als Absolventen aber noch „gelenkt“, auch mit Einfluss der Staatssicherheit, und so wurde mir der Weg nach Lostau verwehrt, ich bekam über Monate gar keine Assistentenstelle. Mich hätte auch die Sportmedizin sehr interessiert. Der Vertrag als Mannschaftsarzt beim SCM war fertig. Es scheiterte daran, dass ich nicht in die SED eintreten wollte. Die Radiologie war insofern ein Notnagel, was sich im Laufe der Jahre aber zu einer sehr interessanten Fachrichtung entwickelte.
2. Dr. Bäse, Sie sind seit 1995 als Chefarzt im Altmark-Klinikum tätig und haben in dieser Zeit zahlreiche Entwicklungen in der Radiologie erlebt. Welche Innovationen oder technologischen Fortschritte halten Sie für die wegweisendsten in Bezug auf die medizinische Bildgebung, und wie haben sie die Arbeitsweise in Ihrem Fachgebiet verändert?
Dr. Michael Bäse: Die wichtigsten Entwicklungen hat es natürlich in der Schnittbildgebung gegeben. Als ich im Städtischen Klinikum in Magdeburg meine Ausbildung begonnen habe, gab es dort noch kein CT und natürlich kein MRT.
Gleich nach der Wende habe ich dann durch Kontakte die Chance genutzt, in Berlin die MRT-Ausbildung zu machen und war dann einer der Ersten in Sachsen-Anhalt, die mit der MRT-Befundung vertraut waren. Die Auflösung der Bilder in der Computertomographie und Magnetresonanztomographie wurde durch neue technologische Entwicklungen und viel mathematischen Einfluss zunehmend gesteigert. Heute sind wir da auf einem sehr guten Stand. Das ist mit den Aufnahmen der Anfangszeit kaum zu vergleichen. Und der Patientenkomfort hat durch die Schnelligkeit der Untersuchungen deutlich zugenommen. Durch die verbesserte Technik konnten auch über die Jahre die Untersuchungszahlen deutlich erhöht werden. Und es ist klar, dass mit höherer Auflösung der Aufnahmen die Detailerkennbarkeit wesentlich verbessert wurde. Natürlich hat die Digitalisierung viel verändert, auch in der Röntgentechnik. Aber die Bildaussage ist gegenüber den alten Röntgenfilmen dabei nur unwesentlich anders.
3. Radiologie ist oft ein Feld, das mit dem Einsatz modernster Technologie verbunden ist. Wie sehen Sie die Balance zwischen der Nutzung hochtechnologischer Instrumente und dem persönlichen, einfühlsamen Umgang mit Patienten? Und wie hat sich diese Dynamik während Ihrer Dienstzeit entwickelt?
Dr. Michael Bäse: Vor der richtigen Therapie steht die richtige Diagnose. Das steht im Vordergrund. Das heißt, die Patienten müssen die Untersuchung in ihrem eigenen Interesse „ertragen“. Der persönliche und auch manchmal nötige einfühlsame Umgang ist dann bei der Diagnosemitteilung gefragt, insbesondere wenn es um lebensbegrenzende Nachrichten geht. Ich vertrete jedoch auch die Ansicht, dass man gerade bei orthopädischen Problemen, die oft durch eine ungünstige Lebensgestaltung verursacht sind, darauf hinweisen sollte, was am Lebensstil zu ändern ist. Das Wort „einfühlsam“ ist ein hoher Anspruch. Das ist bei dem hohen Untersuchungsaufkommen nicht immer gut genug realisierbar. Der Zeitfaktor ist da einfach begrenzend. Für mich steht da eher im Vordergrund, dass man bei der Befundübermittlung die korrekte Situation schildert, nichts verheimlicht oder beschönigt.
4. Als Chefarzt der Abteilung Radiologie haben Sie zweifellos viele schwierige Entscheidungen treffen müssen. Welche ethischen Herausforderungen sind in Ihrem Berufsfeld besonders präsent, und wie sind Sie damit umgegangen? Gibt es eine Situation, die Sie besonders beeindruckt hat?
Dr. Michael Bäse: Leider ist es so, dass der Berufsethos durch die gegebenen Rahmenbedingungen, insbesondere die Finanzierung des Gesundheitswesens, öfter in den Hintergrund tritt, und dies ist in den vergangenen Jahren zunehmend der Fall. Da ist jeder im Gesundheitswesen aufgefordert, neben der fachlichen Expertise auch sein Gewissen wach zu halten. Und ethische Fragen sollten immer mitgedacht werden, z. B. was Strahlenbelastung in der Computertomographie für junge Patienten betrifft oder ob bei sehr alten Patienten noch alles Diagnostische auszureizen ist, ohne dass daraus eine Konsequenz in der Behandlung entsteht. Oder auch aus Patientensicht, ob man alle Untersuchungen „einfordern“ können soll. Das wird schnell durch Terminprobleme ungerecht gegenüber anderen, die nicht so fordernd auftreten. Und Gerechtigkeit ist ein hohes ethisches Gut.
5. Radiologie ist nicht nur eine Wissenschaft, sondern auch eine Kunst der Interpretation von Bildern. Welche Fähigkeiten und Eigenschaften sind Ihrer Meinung nach entscheidend, um ein exzellenter Radiologe zu sein? Und wie haben Sie diese Werte in Ihrem Team gefördert?
Dr. Michael Bäse: Einer meiner ersten Ausbilder sagte einmal zu mir: „Radiologie ist ganz einfach, man muss nur wissen, was man sieht.“ Solche Sätze prägen sich ein. Also Grundvoraussetzung für einen guten Radiologen ist, dass er in allen Bereichen Bescheid weiß. Das heißt, viel Fachliteratur lesen, immer versuchen, auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Wenn diese Grundvoraussetzung gegeben ist, stellt sich über die Jahre mit steigender Berufserfahrung ein zusätzlicher Impuls ein. Man betrachtet Aufnahmen, sieht nicht gleich die Problematik, das Gehirn vermittelt einem jedoch, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das würde ich dann unter den Punkt „Kunst“ einordnen. Zunehmend entwickelt man auch ein 3D-Gedächtnis für alle Aufnahmen, auch wenn es nur ein normales Röntgenbild ist. Das hilft einem sehr in der richtigen Interpretation der Aufnahmen. Und gerade in der Schnittbilddiagnostik, insbesondere bei MRT-Aufnahmen, deren Bewertung öfter sehr diffizil ist, muss man sich über Ausschlusskriterien an die richtige Diagnose heranarbeiten. Das ist weniger Kunst, mehr die Summe von Wissen und Fleiß. Und solche Dinge habe ich natürlich auch als Ausbilder weitergegeben.
6. Sie betonen immer wieder, wie wichtig kontinuierliche Weiterbildung und Forschung für die Radiologie sind. Welche Bereiche oder Themen halten Sie für besonders vielversprechend in der Zukunft der medizinischen Bildgebung? Und wie sollten junge Radiologen sich darauf vorbereiten, um diesen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen?
Dr. Michael Bäse: Alle sprechen von Künstlicher Intelligenz (KI) und das ist sicherlich richtig. Gerade die Radiologie bietet sich da natürlich an. Es ist zu erwarten, dass sich der Radiologenberuf insofern ändert, dass in etwa 10 Jahren normal ist, dass der Radiologe den von der KI erstellten Befund kontrolliert und dann freigibt. Zu befürchten ist, dass die KI-Befundung zunehmend zentralisiert wird, um Kapazitäten zu bündeln. Das wird Auswirkungen haben auf die Patienten-Arzt-Kontakte und eher ungünstig sein. Für einen zielgerichteten, auf die aktuellen Beschwerden des Patienten ausgerichteten Befund ist dies jedoch enorm wichtig. Ich sage öfter, dass keine Bilder behandelt werden, sondern Menschen. Nicht alles Digitale ist letztendlich rundum gut.
Viele wünschen sich einen Raum, in den der Patient hineingeht, eine wie auch immer geartete Diagnostikmaschine durchschreitet und dann nach wenigen Sekunden auf sein Smartphone die Diagnose übermittelt bekommt. Das wird es aber zu meinen Lebzeiten nicht mehr geben.
7. Als jemand, der viele Jahre dem Altmark-Klinikum Gardelegen gedient hat, haben Sie zweifellos Einblicke und Erfahrungen gesammelt, die einzigartig sind. Was wünschen Sie Ihrem Krankenhaus für die Zukunft und welche Ratschläge möchten Sie Ihrer Nachfolgerin Andrea à Tellinghusen mit auf den Weg geben?
Dr. Michael Bäse: Die Arbeit in der Radiologie ist eine anspruchsvolle Teamleistung. Jeder Einzelne ist da wichtig, von der Anmeldung über die MTA’s (Medizinisch-technische Assistenz) bis zum Sekretariat. Jeder verdient und braucht dabei seine Wertschätzung und jeder Einzelne ist wertvoll, natürlich auch mit Besonderheiten. Am wichtigsten ist, alle zusammenzuhalten und darauf zu achten, dass jeder die meiste Zeit gerne zur Arbeit kommt. Von außen sieht das manchmal leicht aus, ist aber täglich ein bisschen Chefarbeit.
Und man muss die mittelfristigen Dinge im Auge behalten, z. B. was Absprachen und Pläne mit der Verwaltung betrifft, die man natürlich für seine Dinge gewinnen muss.
Auch hier ist ein gutes Verhältnis enorm wichtig. Natürlich wird es wichtig, wieder eine Assistenzärztin oder einen Assistenzarzt auszubilden. Viele Patienten kommen in regelmäßigen Abständen immer wieder in die Abteilung. Daher ist es wichtig, ein gutes Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen, ebenso wie zu den ambulanten überweisenden Ärzten und natürlich zu den stationären Abteilungen im Krankenhaus.
Ich habe mir Mühe gegeben, dass die Abteilung auch nach meinem Ausscheiden gut aufgestellt ist, was meiner Meinung nach gut gelungen ist, und nach fast drei Jahrzehnten fällt der Wechsel hoffentlich nicht allzu schwer ins Gewicht.
