Salzwedel. Dr. med. Roberto Müller blickt auf beeindruckende 25 Jahre als Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Altmark-Klinikum Salzwedel. Der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe hat nicht nur maßgeblich zur Entwicklung der Klinik beigetragen, sondern auch bedeutende medizinische Meilensteine gesetzt. Im Gespräch reflektiert er seine beruflichen Erfahrungen, Herausforderungen und Erfolge, die ihn und sein Team in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten begleitet haben. Darüber hinaus gibt er Einblicke in seine persönlichen Werte und die Balance zwischen seinem anspruchsvollen Beruf und dem Privatleben.
Herr Dr. Müller, wie fühlt es sich an, im 25. Jahr auf Ihre Karriere zurückzublicken, insbesondere in Bezug auf Ihre Entwicklung als Arzt und Leiter der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe?
Dr. Roberto Müller: Ich würde sagen, eine Mischung aus Genugtuung, überwiegender Zufriedenheit und Stolz. Zum einen Genugtuung, weil meine Dienstaufnahme seinerzeit nicht ohne Widerspruch war. Aber, ich hatte den zur damaligen Zeit tätigen Ärztlichen Direktor, Herrn Dr. Rauschert, und den Geschäftsführer, Herrn Mattmann, auf meiner Seite.
Überwiegend zufrieden jedoch, weil es mir mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gelungen ist, die Frauenklinik mit bestem Ruf in der Region zu etablieren. Dafür bin ich jedem meiner Kolleginnen und Kollegen sehr dankbar. Stolz natürlich auch über alles Erreichte.
Welche Höhepunkte oder Meilensteine markieren Ihrer Meinung nach Ihre Zeit als Chefarzt in der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe?
Dr. Roberto Müller: Zweifellos waren die Etablierung der pränatalen Diagnostik als Ergänzung zur Geburtshilfe und der Aufbau der Senkungs- und Inkontinenzchirurgie mit einer entsprechenden Sprechstunde wichtige Aspekte. Zudem konnte ich die Krebschirurgie unseres Fachgebietes auf alle Organe ausdehnen und letztlich, in enger Kooperation mit den Bauchchirurgen, früher mit Herrn Dr. Luck und jetzt seit Jahren mit Herrn MUDr. Horak, bis hin zur komplexen Behandlung des Eierstockkrebses erweitern. Auch die Etablierung des Brustzentrums fällt in die Jahre nach 2000 und setzt sich bis heute als Erfolgsgeschichte fort.
Wie hat sich die Klinik seit Ihrem Dienstantritt verändert, und auf welche Entwicklungen sind Sie besonders stolz?
Dr. Roberto Müller: Im Jahre 2000 befanden sich Teile der Frauenklinik noch im Altbau. Inzwischen befindet sich die gesamte Klinik kompakt in der 3. Etage des modernen Bettenhauses mit allem was man von einer modernen Frauenklinik erwarten darf: Beginnend bei einer exzellenten technischen Ausstattung bis hin zu modernen Organisationsstrukturen, wie unserem Stationssekretariat. Stolz bin ich insbesondere auf meine ärztlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die meinen gelegentlich anspruchsvollen Ideen gefolgt sind und zumeist gelassen meine Ungeduld ertragen haben.
Können Sie uns von einer besonderen Herausforderung berichten, der Sie während Ihrer Zeit im Altmark-Klinikum gegenüberstanden, und wie Sie diese gemeistert haben?
Dr. Roberto Müller: Da gibt es so unheimlich viele Herausforderungen, von denen manche auch zu grauen Haaren geführt haben. Das macht aber den besonderen Anspruch unseres Fachgebietes und dabei insbesondere der Geburtshilfe aus. Die unangenehmsten Herausforderungen wurden uns aber von außen beschert und haben mit Medizin quasi nichts zu tun. So zum Beispiel wechselnde Abrechnungsmodi mit den Krankenkassen mit überbordendem bürokratischem Aufwand oder die COVID-Pandemie mit all ihren Herausforderungen.
Welche Veränderungen im Gesundheitswesen haben Sie während Ihrer Zeit im Altmark-Klinikum Salzwedel erlebt, und wie haben diese Veränderungen Ihre Arbeit beeinflusst?
Dr. Roberto Müller: Die Situation der Krankenhausfinanzierung hat sich zunehmend dramatisiert und stellt das gravierendste Problem dar. Das Land verfügt über begrenzte finanzielle Mittel, um notwendige Investitionen und laufende Renovierungen zu unterstützen. Dies erfordert erhebliche finanzielle Anstrengungen von allen Beteiligten im Krankenhaus, was die Bereitstellung guter Medizin erschwert.
Ein weiteres bedeutendes Thema ist der Fachkräftemangel, dem sich die Politik gegenübersieht. Dieser Mangel hat sich im Laufe der Zeit verschärft, und es werden verschiedene Ansätze verfolgt, um gegenzusteuern. In den letzten zehn Jahren wurden nicht ausreichend Ärzte ausgebildet, was zu einem deutlichen Defizit geführt hat. Besonders in Sachsen-Anhalt fehlen derzeit mehr als 200 Hausärzte. Als Gegenmaßnahme bietet die Politik jährlich 10 zusätzliche Studienplätze in Magdeburg an. Doch selbst nach einem sechsjährigen Studium und einer fünfjährigen Facharztausbildung werden erst nach etwa 11 Jahren die ersten dieser neuen Hausärzte ihre Tätigkeit aufnehmen können.
Angesichts der Dringlichkeit der Situation sollten diese Maßnahmen dringend überdacht werden.
Welche Werte oder Grundsätze leiten Sie in Ihrer täglichen Arbeit als Chefarzt, insbesondere im Umgang mit Patientinnen und Ihren Kollegen im Team?
Dr. Roberto Müller: Ich habe versucht, meinen Kolleginnen den absoluten Respekt vor der Patientenautonomie und ein hohes Maß an Empathie vorzuleben, was mir, wenn ich mir die Bewertungen der Klinikkollegenschaft in Umfragen oder den Medien anschaue, anscheinend gelungen ist. Transparenz ist ein probates Mittel, um alle Mitarbeitenden für die gemeinsame Sache zu gewinnen. Alle müssen den gleichen Kenntnisstand haben, Fehler müssen unabhängig von der Person offen diskutiert und gemeinsam Vermeidungsstrategien erarbeitet werden. Ich halte sehr viel von strukturiertem Arbeiten. Das schafft eine zielführende Sicherheit. Vor maßgeblichen Entscheidungen habe ich stets versucht, einen Gedankenaustausch zu führen, bei der Durchsetzung von Maßnahmen jedoch bin ich ein absoluter Fan der informierten Diktatur.
Wie finden Sie die Balance zwischen Ihrem anspruchsvollen Beruf und Ihrem Privatleben? Gibt es bestimmte Aktivitäten oder Hobbys, die Ihnen dabei helfen, abzuschalten?
Dr. Roberto Müller: Das Wichtigste war und ist meine Familie. Meine Frau und meine beiden Kinder sind und waren immer meine Komfortzone. Zu Hause haben wir so wenig wie möglich über Arbeit gesprochen. Das halte ich für die allerbeste Psychohygiene. Abschalten kann ich wunderbar beim Lesen oder Musikhören. Ich spiele ein Instrument und besuche noch immer regelmäßig meinen Musiklehrer in der Salzwedeler Musikschule. Auch gehe ich regelmäßig und ganzjährig tauchen. Bislang musste ich mich zeitlich sehr streng organisieren, um Beruf, Familie und Freizeitaktivitäten unter einen Hut zu bekommen. Insofern freue ich mich darauf, über deutlich mehr freie Zeit verfügen zu können.
Sie haben gerade erwähnt, dass Sie ein Musikinstrument spielen können. Darf ich fragen, um welches Instrument es sich handelt?
Dr. Roberto Müller: Genaugenommen ist es ein Rhythmusinstrument. Ich spiele Schlagzeug und besuche regelmäßig die Musikschule „Jenny Marx“ in Salzwedel. Mein Musiklehrer ist Helmut Grabow, ein Profi, der früher unter anderem bei „Meiselgeier“ getrommelt hat. Wir sind fast gleich alt und teilen die Vorliebe für Rock und insbesondere Led Zeppelin. Für einen Chef eine durchaus gute Erfahrung sich als Schüler zu sehen.
Herr Dr. Müller, angesichts Ihrer medizinischen Fähigkeiten, Qualifikationen, Erfahrungen und Ihres Wissens fällt es schwer, vom Erreichen des Rentenalters zu sprechen. Zum Ende des Jahres werden Sie Ihr Amt als Chefarzt niederlegen, bleiben dem Altmark-Klinikum jedoch weiterhin als Arzt erhalten. Wie werden Sie auch nach Ihrer Zeit als Chefarzt für die Patientinnen weiterhin Verantwortung tragen?
Dr. Roberto Müller: Mein Nachfolger, Chefarzt Georgi Marinov, ist bereits im Amt. Ich stehe als Berater jetzt und auch weiterhin zur Verfügung. Bis zur endgültigen Übernahme aller Qualifikationen und der damit verbundenen Sprechstunden durch den neuen Chefarzt und meine Oberärztinnen werde ich in begrenztem Umfang weiterhin zur Verfügung stehen. Auch im Rahmen einzelner komplexer Operationen werde ich mit dem Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie, MUDr. Horak, nach Absprache gemeinsam am OP-Tisch stehen. Ich denke, dass der glatte Übergang an die nächste Generation in ein bis zwei, spätestens drei Jahren endgültig geschafft ist.
